Warum exzellente Arbeitsorte nie ganz fertig sind
Dieser Artikel ist Teil einer Serie darüber, wie sich die Arbeitswelt verändert – und was das für Organisationen, Menschen und die Umgebungen bedeutet, die sie tragen. In Gesprächen mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen versammelt die Serie verschiedene Perspektiven auf die Herausforderungen, die die Zukunft der Arbeit prägen.
Während sich Unternehmen an hybride Arbeitsmodelle anpassen, stellen sich viele die Frage neu, wie Arbeitsumgebungen Kultur, Zusammenarbeit und Zugehörigkeit fördern können.
Kim Bobsin, Mitgründer von sbp, erklärt, warum erfolgreiche Arbeitswelten gemeinsam mit den Mitarbeitenden und nicht für sie entwickelt werden – und warum die besten Umgebungen sich kontinuierlich mit den Organisationen weiterentwickeln, für die sie gestaltet wurden.

Work Better: Wie trägt Workplace Design dazu bei, Unternehmensidentität und Zugehörigkeit zu schaffen?
Innenarchitektur ist nicht nur das dekorative Sahnehäubchen, sondern im besten Fall ein strategisches Instrument, das Kultur, Verhalten und Identifikation mit einem Unternehmen prägt.
Für uns ist Raum immer auch die physische Übersetzung der Unternehmens-DNA. Werte wie Transparenz, Agilität oder Zusammenarbeit lassen sich durch Grundrisse, Materialien, Sichtbeziehungen und die Art, wie Menschen miteinander interagieren, in räumliche Erlebnisse übersetzen. Entscheidend ist dabei die Konsistenz: Steht die gebaute Umgebung im Widerspruch zur gelebten Unternehmenskultur, leiden Vertrauen und Identifikation.
Die erfolgreichsten Arbeitswelten gehen über reine Funktionalität hinaus. Sie schaffen Rahmenbedingungen für Beziehungen, unterstützen unterschiedliche Arbeitsweisen und fördern informelle Begegnungen.
Ein Gefühl der Zugehörigkeit entsteht dort, wo Menschen sich selbst im Raum wiederfinden. Identität lässt sich nicht allein über Branding vermitteln, sie muss jeden Tag erlebbar sein. Arbeitswelten können zudem die Geschichte einer Organisation, ihrer Menschen und ihrer Entwicklung erzählen. In diesem Sinne wird Raum Teil des kollektiven Gedächtnisses eines Unternehmens.
WB: Was verändert sich, wenn Mitarbeitende an der Gestaltung ihres Arbeitsumfelds beteiligt werden?
Partizipation verändert die Rolle der Arbeitsumgebung grundlegend. Statt einer fertigen Lösung, die den Mitarbeitenden auf dem Silbertablett präsentiert wird, entwickelt sie sich zu einem sozialen System, das gemeinsam aktiv gestaltet werden kann.
Wenn Menschen in den Prozess einbezogen werden, erleben sie den Arbeitsplatz nicht länger als etwas Vorgegebenes und Unveränderliches. Dadurch entsteht ein stärkeres Gefühl von Verantwortung, Identifikation und Zugehörigkeit. Gleichzeitig steigt die Akzeptanz von Veränderungen, weil die Hintergründe neuer Konzepte nachvollziehbar werden und die Beteiligten selbst zu deren Entwicklung beigetragen haben.
Partizipation macht außerdem sichtbar, wie Arbeit tatsächlich funktioniert. Workshops und Interviews bringen Verhaltensweisen sowie Kommunikationsmuster ans Licht, die formale Strukturen oft nicht erfassen. Dadurch wird Workplace Design realistischer und stärker an den tatsächlichen Arbeitsweisen ausgerichtet.
Für Innenarchitekt*innen bedeutet das einen Rollenwechsel: vom Planer zum Moderator. Workplace Design besteht nicht nur darin, Räume zu gestalten, sondern auch Organisationen dabei zu unterstützen, sich auf zukünftige Veränderungen vorzubereiten.
Eine zentrale Herausforderung: Die Ergebnisse von Beteiligungsprozessen orientieren sich oft zu sehr an heutigen Bedürfnissen und den Problemen von gestern. Gute Moderation richtet den Blick nach vorn und bringt künftige Veränderungen gezielt in die Diskussion ein.
WB: Nachdem hybrides Arbeiten fest etabliert ist: Was muss das Büro heute bieten?
In das Büro der Zukunft sollte man kommen wollen – und nicht mehr müssen.
Das Büro muss Erlebnisse bieten, die sich an anderen Orten nicht ohne Weiteres reproduzieren lassen: echte Begegnungen und ein starkes Gefühl von Verbundenheit mit der Organisation. Es muss sozialen und emotionalen Mehrwert schaffen, nicht nur funktionalen.
Das heißt: Es braucht eine breite Palette an Arbeitsumgebungen, die unterschiedliche Tätigkeiten und Bedürfnisse unterstützen. Standardlösungen reichen nicht mehr aus. Räumliche und technologische Flexibilität wird immer wichtiger, denn Unternehmen müssen sich laufend auf neue Geschäftsanforderungen, Technologien und Arbeitsweisen einstellen.
Durch KI-gestützte Arbeitsweisen wird sogar eine Rückkehr des Einzelbüros denkbar. Braucht die Arbeitswelt der Zukunft einen Raum für mich und meinen KI-Agenten? Die Frage mag heute provokant klingen, zeigt aber, wie schnell sich unsere Annahmen über Arbeitsumgebungen ändern können.
Technologie sollte das Arbeitserlebnis unterstützen, ohne selbst zum Thema zu werden. In hybriden Arbeitsumgebungen muss sie nahtlos im Hintergrund funktionieren, sodass qualitativ kein Unterschied zwischen Präsenzarbeit und Remote-Arbeit mehr spürbar ist.
WB: Welche Aspekte werden übersehen, wenn Unternehmen über Kultur, Wohlbefinden und Leistung nachdenken?
Wenn Unternehmen über Kultur, Wohlbefinden und Leistung sprechen, konzentrieren sie sich häufig auf einzelne Gestaltungselemente wie Möbel, Oberflächen oder Pflanzen. Was dabei fehlt, ist der Blick auf die Arbeitsumgebung als Ganzes. Denn sie ist ein System, in dem gerade unscheinbare Faktoren das tägliche Erleben am stärksten prägen können.
Akustik, Beleuchtung, Orientierung und räumliche Organisation beeinflussen maßgeblich, wie Menschen sich fühlen und wie sie arbeiten. Schlechte Akustik erhöht den Stresspegel. Unzureichende Beleuchtung beeinträchtigt Konzentration und Wohlbefinden. Unklare Wegeführungen erzeugen Reibungsverluste und reduzieren spontane Interaktion. Diese Faktoren wirken sich auf den Arbeitsalltag stärker aus, als vielen Organisationen bewusst ist.
Ein weiterer häufig übersehener Aspekt ist die Beziehung zwischen Raum und Unternehmenskultur. Mitarbeitende orientieren sich stärker an dem, was sie im Raum erleben, als an Leitbildern. Wenn ein Unternehmen Offenheit propagiert, aber keine Räume für Zusammenarbeit schafft, oder Flexibilität betont, während die besten Flächen den Führungskräften vorbehalten bleiben, sendet die Umgebung widersprüchliche Signale.
WB: Was macht eine Arbeitsumgebung langfristig erfolgreich?
Selbst die besten Arbeitsplatzkonzepte funktionieren nur, wenn Menschen bereit sind, sie zu nutzen. Akzeptanz ist entscheidend – und Führungskräfte müssen mit gutem Beispiel vorangehen.
Das gilt besonders für Activity-Based-Working-Konzepte. Sie erfordern sowohl Wahlfreiheit als auch ein gemeinsames Verständnis davon, wie die unterschiedlichen Bereiche genutzt werden sollen. Ohne dieses Verständnis können auch hervorragend gestaltete Arbeitsumgebungen ihre Wirkung verfehlen.
Vor allem aber: Ein exzellenter Arbeitsplatz ist nie ganz fertig. Gute Arbeitswelten sind keine einmaligen Projekte, sondern kontinuierliche Prozesse. Unternehmen müssen immer wieder prüfen, ob Räume so genutzt werden wie gedacht. Regelmäßiges Feedback und gezielte Anpassungen sorgen dafür, dass die Arbeitsumgebung mit der Organisation Schritt hält.
Über Kim Bobsin
Seit 1998 führt Kim Bobsin gemeinsam mit seinem Partner Gunnar Seel das Hamburger Planungsbüro sbp. Das Unternehmen ist auf die Entwicklung sogenannter „Emotional Spaces“ spezialisiert und arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Workplace, Healthcare, Hospitality, Retail und Messe. Ziel ist es, unverwechselbare räumliche Identitäten zu schaffen, die Nutzererlebnis, Zugehörigkeit und langfristigen Unternehmenserfolg gleichermaßen stärken.
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